Die Adäquanzfalle
Warum wir das Stiegenhaus brauchen, obwohl es einen Lift gibt
Ich war zu Gast im Kreativgerecht Podcast bei Sebastian. Herausgekommen ist ein Gespräch, das weder apokalyptisch noch euphorisch war – sondern der Versuch, KI dort einzuordnen, wo sie für uns Kreativschaffende tatsächlich hingehört. Ein paar Gedanken daraus möchte ich hier festhalten.
Wie ich ein Buch geschrieben habe, das ich nie hätte schreiben können
Letztes Jahr ist gemeinsam mit Ines Thomson ein Buch über KI-Mindset entstanden. Und ehrlich gesagt: Ich habe kaum einen Satz davon selbst in die Tastatur getippt.
Der Prozess war ein anderer. Wir haben zuerst gesprochen – lange Interviews geführt, transkribieren lassen, die Transkripte gemeinsam mit dem Inhaltsverzeichnis als Grundlage genommen. Dann Kapitel für Kapitel: „Ich bin Martin, das sind grob die Inhalte, die ich unterbringen will – stell mir so lange Fragen, bis du verstanden hast, was in diesem Kapitel stehen soll." Die Fragen habe ich wieder per Sprache beantwortet. Erst danach ist Text entstanden. Über 300 Seiten. Mit Lektorat im Hintergrund, das das Ganze zusammengehalten hat.
Wer das Buch liest, hört uns beim Sprechen zu. Das war der Anspruch – und der Grund, warum dieser Weg funktioniert hat.
Die Frage der Perspektive
Bei einem Vortrag vor den Salzburger Berufsfotograf:innen habe ich genau dieses Beispiel gebracht. Im Publikum saß eine Schriftstellerin, die meinte: KI-generierte Texte erkenne sie sofort, das sei Bullshit.
Und sie hat recht. Hundertprozentig.
Nur ist das gar nicht der Punkt. Sie betrachtet das Ergebnis von oben herab – mit jahrelanger Erfahrung, mit Skills, mit einem geschulten Blick. Ich betrachte dasselbe Ergebnis von unten nach oben, weil ich schlicht kein Schreiber bin. Für mich ist es besser als alles, was ich je selbst zu Papier gebracht hätte. Und die Alternative war nicht „bessere Texterin engagieren" – die Alternative war: kein Buch.
Genau derselbe Effekt passiert gerade bei Bildern. Ich schaue mir KI-generierte Pixel an und sehe die Probleme. Noch. Das Delta wird kleiner, ich erkenne es immer seltener. Alle anderen – alle, die nicht beruflich mit Pixeln arbeiten – haben denselben Blick von unten wie ich beim Text. Und für sehr, sehr viele Anwendungsfälle ist das Ergebnis heute schlicht ausreichend.
Nebenbei: Ich sage bewusst nie „Foto" dazu. Das sind Pixel, die wir Menschen als Fotos lesen. Das ist ein Unterschied, auf dem ich in meinen Workshops sehr penibel herumreite.
Der Turm, der Lift und das Stiegenhaus
Beim Buch bin ich über einen Begriff gestolpert, den ich seither in jedem Vortrag verwende: die Adäquanzfalle. Oder, wie wir in Österreich sagen würden: „Passt schon."
Stell dir einen Backsteinturm vor.
Auf einer bestimmten Höhe liegt das Level adäquat – ausreichend, gut genug. Unsereins ist da früher über das Stiegenhaus hinaufgegangen. Wir sind gestolpert, hingefallen, haben uns Wissen holen müssen, sind wieder aufgestanden. Irgendwann waren wir oben.
Mittlerweile hat der Turm einen Lift bekommen. Der heißt KI. Du steigst unten ein, drückst auf den Knopf – also gibst deinen Prompt ein – und bist ping auf dem Level adäquat.
Man kann das positiv sehen: Jede:r kann jetzt mehr als früher. Man kann es negativ sehen: Jede:r kann jetzt mehr als früher. Auf adäquat sind wir austauschbar – unter Menschen und, wenn man Richtung Agents denkt, auch unter Maschinen.
Wo wir eigentlich hinwollen, ist Exzellenz. Und dorthin führt kein Lift. Nur Stiegen, die rutschiger, höher und anstrengender sind als die darunter. Wer den unteren Teil nie gegangen ist, hat es von adäquat nach Exzellenz ungleich schwerer – teilweise wahrscheinlich unmöglich. Weil die Muskeln fehlen. Und weil die Erfahrung fehlt, dass Lernen und Fortschritt anstrengend sein dürfen.
Was ich in einer Schulklasse gelernt habe
Ich hatte kürzlich drei Tage lang Schüler:innen im WIFI Oberösterreich zu Gast. Ich habe gefragt, wer KI verwendet: hundert Prozent. Fast alle ChatGPT, in der kostenlosen Version. Europäische Alternativen kannte niemand.
Und wofür? Um Aufgaben schnell fertig zu bekommen. Als Lift.
Ich nehme das niemandem übel – ich hätte das mit vierzehn exakt genauso gemacht. Ob ich meine Hausübung im Bus abschreibe oder generieren lasse, macht im Kern keinen Unterschied.
Interessant wurde es, als ich etwas anderes gezeigt habe. Wir haben eine einstündige YouTube-Doku über das antike Rom genommen, lokal transkribieren lassen, das Transkript in ein KI-System geworfen – und dann gesagt: Gib mir keine Antworten. Frag mich ab, ob ich den Inhalt verstanden habe.
Man hat gesehen, wie im Raum Schalter umgelegt wurden. Auf einmal war da die Idee, dass so ein System auch Tutor sein kann statt Lösungsautomat. Dass man sich Inhalte als Audio aufbereiten lassen kann, wenn man über Hören lernt. Oder als Infografik, wenn man über Bilder lernt.
Das ist der eigentliche Punkt: nicht „Liftknopf, ganz nach oben", sondern in Zwischenetagen aussteigen. Die ersten fünf Meter fahren – und die restlichen zwanzig gehen, mit KI als Abschleppseil statt als Aufzug.
Ist eigentlich KI das Problem – oder Social Media?
Wir sind im Gespräch ziemlich schnell bei Fake News, Plattformen und Kindern gelandet. Und mir ist mitten im Satz ein Gedanke gekommen, den ich seither nicht mehr loswerde: Sind es wirklich die KI-Systeme, die das Problem sind – oder sind es die Plattformen, auf denen das Ergebnis landet?
Ich habe Instagram nicht am Handy installiert. Nicht, weil ich es nicht bedienen könnte, sondern weil ich genau weiß, dass ich hängen bleibe. Ich kenne die Mechanismen, ich unterrichte sie – und ich komme trotzdem nicht dagegen an. Wenn das bei mir so ist, wie soll es dann bei einem Elfjährigen anders sein?
Früher haben wir stundenlang gezockt. Aber Computerspiele haben damals nicht mit derselben psychologischen Präzision auf Suchtmechanismen hin optimiert wie die Feeds von heute. Wenn das Spiel fertig war, war es fertig.
Verhindern lässt sich das alles nicht. Ein Verbot in Europa wäre über VPN in Sekunden umgangen, und lokale Modelle laufen längst auf ganz normalen Rechnern. Die Büchse ist offen. Regulierung ist trotzdem wünschenswert und der EU AI Act ist ein Schritt in die richtige Richtung – aber der eigentliche Hebel liegt woanders: bei uns, im Kleinen, in den Familien und im Schulsystem. Darauf zu warten, dass die Gesellschaft das schon regeln wird, wird nicht funktionieren.
Was das für uns Kreativschaffende heißt
Was mich technisch aktuell am meisten umhaut: Bildmodelle verstehen mittlerweile Kontext. Ich kann eine isometrische Grafik vom Linzer Hauptplatz anfordern – inklusive aktuellem Wetter. Die Systeme werden multimodal, recherchieren selbstständig, hängen Sprachmodelle und Bildgenerierung zusammen. Und dazu kommt das ganze agentische Thema: Dinge, für die ich früher Stunden gebraucht habe, laufen lokal durch, während ich etwas anderes mache.
Die Konsequenz ist unangenehm eindeutig: Die Einstiegshürde für gute Ergebnisse ist natürliche Sprache. Früher habe ich Photoshop-Kurse von Einsteiger bis Master gegeben, weil man Stunden investieren musste, um wirklich Gutes zu produzieren. Diese Hürde ist de facto null.
Daraus folgt für mich:
Das Endergebnis ist nicht mehr das, was wir verkaufen. Wir verkaufen den Weg dorthin. Die Gedanken dahinter. Die Entscheidungen. Die Rahmenbedingungen, die wir eingehalten haben.
Dieser Prozess muss sichtbar werden. Auf der eigenen Website, per Video, Audio, Text: Wer bin ich, wie arbeite ich, wie ticke ich. Damit eine mögliche Kundin versteht, warum sie mit mir arbeiten will.
Es braucht eine klare Entscheidung. Für KI, gegen KI oder für eine Mischform – aber eine klare, kommunizierbare.
Und es braucht Argumente jenseits des Preises. Beim Preis können wir nicht mithalten, das ist keine Diskussion. Aber: Was macht ein 10-Cent-Bild mit einer Handtasche um 1.000 Euro? Welche rechtlichen Verstrickungen holt sich ein Kunde ins Haus, wenn Trainingsdaten oder Persönlichkeitsrechte plötzlich zum Thema werden?
Genau deshalb sehe ich der Kennzeichnungspflicht ab 2. August ausgesprochen positiv entgegen. Sie macht das Gespräch mit Kund:innen leichter, nicht schwerer: Du musst es kennzeichnen – überleg dir also, was „AI Generated" neben deinem Produkt eigentlich auslöst. Zusammen mit den rechtlichen Risiken ist das ein sehr guter Hebel.
Der Wunsch für die nächsten fünf Jahre
Sebastian hat mich zum Schluss nach meinem Wunsch für die nächsten fünf Jahre gefragt – wenn mein Sohn sechzehn ist.
Ich hoffe, dass wir durch die Veränderungen, die da kommen und längst da sind, als Menschen wieder näher zusammenrücken. Dass wir verstehen, was wir aneinander und an diesem Planeten haben. Und dass wir besser auf beides schauen.
Und ganz konkret drücke ich unseren Kindern die Daumen. Dass sie gerüstet sind. Und dass sie die Stufen von adäquat nach exzellent erklimmen können – wenn sie denn wollen. Das dürfen sie selbst entscheiden.