Ohne Kalaschnikow schlaf ich schlecht

Warum wir die Geburtenlotterie gewinnen – und warum dieses Buch mich demütiger gemacht hat

Ich bin 41 Jahre alt, lebe in Österreich, bin gesund, habe Zugang zu Bildung, kann frei meine Meinung sagen und schlafe nachts ohne Angst vor Gewalt oder Krieg. Ich kenne Hunger nur aus Dokumentationen, und meine größten Sorgen drehen sich meist um Termine oder die nächste Software-Aktualisierung. Ich habe die Geburtenlotterie gewonnen. Und bis ich Ohne Kalaschnikow schlaf ich schlecht von Lukas Matzinger und Olivia Wimmer gelesen habe, war mir nicht klar, wie sehr.

Das Buch ist eine Reise – nicht nur durch neun Länder und 34.000 Kilometer in einem klapprigen VW-Bus, sondern vor allem in eine Realität, die so weit von meiner entfernt ist, dass sie mir fast schon unwirklich vorkam. Bis ich die Geschichten las.

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Bis ich im letzten Kapitel auf den Satz stieß: „Ich bin gesund und narbenlos, kenne Krieg und Krise nur von Pushmeldungen. Niemand entscheidet über mich, es ist mein bekömmliches Leben.“ Plötzlich war es nicht mehr abstrakt. Plötzlich sah ich mein eigenes Leben durch die Augen von jemandem, der – genau wie ich – in einer Blase aus Sicherheit und Komfort lebt. Und der genau das infrage stellt.

Die Geburtenlotterie: Warum wir so viel Glück haben

Matzinger beschreibt es schonungslos: „Meine warme Welt bewahrt mich vor jedem Unglück; aber das ist nicht dasselbe, wie glücklich zu sein.“ Und genau das hat mich getroffen. Wir in Mitteleuropa haben ein Leben, das für Millionen Menschen auf diesem Planeten unerreichbar ist: Sauberes Wasser, medizinische Versorgung, politische Stabilität, die Freiheit, unseren Beruf zu wählen oder einfach nur Nein zu sagen. Das sind keine Selbstverständlichkeiten. Das sind Privilegien.

In Pakistan schlafen Kinder in Ruinen, in Tadschikistan kämpfen Menschen um Strom und Wärme, in Belutschistan wachen bewaffnete Polizisten über Reisende – nicht, um sie zu beschützen, sondern weil die Welt dort andersfunktioniert. Und doch: Die Menschen, die Matzinger und Wimmer treffen, sind nicht nur Opfer ihrer Umstände. Sie sind gastfreundlich, neugierig, widerstandsfähig. Sie leben mit weniger – und sind oft reicher an Menschlichkeit. Das Buch zeigt: Glück ist relativ. Aber unsere Grundbedürfnisse sind es nicht.

Männliche Privilegien: Die unsichtbare Extra-Portion Glück

Doch selbst in dieser globalen Perspektive gibt es noch eine weitere Schicht: die des Geschlechts. Als Mann in Österreich habe ich nicht nur das Glück, in einem sicheren Land geboren zu sein – ich profitiere auch von einem System, das Männer in fast allen Kulturen bevorzugt. Matzinger schreibt nicht explizit darüber, aber zwischen den Zeilen wird es klar: In vielen der bereisten Länder sind Frauen noch stärker benachteiligt – und selbst dort, wo Männer „nur“ kleine Vorteile haben (wie die Freiheit, allein zu reisen oder öffentlich Gehör zu finden), summiert sich das.

Das Buch hat mir gezeigt: Meine Privilegien sind nicht nur geografisch, sondern auch geschlechtsspezifisch. Und das macht die Reflexion noch dringender. Denn wenn ich ehrlich bin: Wie oft habe ich mir schon Gedanken über meine Sicherheit gemacht, wenn ich nachts unterwegs war? Wie oft musste ich mir Sorgen machen, dass mir eine Tür verwehrt bleibt – nur weil ich eine Frau bin? Nie. Das ist kein Verdienst. Das ist Glück. Punkt.

Warum du dieses Buch lesen solltest

„Ohne Kalaschnikow schlaf ich schlecht“ ist kein klassischer Reisebericht. Es ist eine Einladung, die eigene Komfortzone zu verlassen – nicht physisch, sondern mental. Das letzte Kapitel („Etwas jagen“) ist für mich das stärkste: Eine schonungslose Abrechnung mit der eigenen Bequemlichkeit, der digitalen Überforderung, der Sehnsucht nach etwas Echtem. Matzinger schreibt: „Ich will verschwinden. Mein Leben ist mir eng geworden.“ Und genau das tut das Buch: Es reißt dich aus deinem Alltagstrott und zeigt dir, wie groß die Welt ist – und wie klein deine Probleme im Vergleich.

Ich habe das letzte Kapitel noch einmal wortwörtlich in meinen Blogpost eingefügt – weil es so viel auf den Punkt bringt. Weil es wehtut. Weil es wachrüttelt. Und weil es hoffnungsvoll macht: Denn am Ende geht es nicht darum, sich schuldig zu fühlen. Sondern darum, bewusster zu leben. Bewusster dankbar zu sein. Und vielleicht sogar ein bisschen mutiger.

Fazit: Lies dieses Buch. Nicht, weil es dich unterhalten wird (obwohl es das tut), sondern weil es dich verändern wird. Weil es dir die Augen öffnet – für das Glück, das du hast, und für die Verantwortung, die damit einhergeht.

Etwas jagen

aus: Lukas Matzinger – “Ohne Kalaschnikow schlaf ich schlecht” (Reiseroman, Zsolnay Verlag)

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Ich bin 33 Jahre alt, schreibe für eine erstklassige Zeitung, lebe in einer beneidenswerten Stadt. Ich bin gesund und narbenlos, kenne Krieg und Krise nur von Pushmeldungen. Niemand entscheidet über mich, es ist mein bekömmliches Leben. Ich weiß, wie viele Sekunden die Dusche zum Warmwerden braucht und welche U-Bahn-Tür mir den Weg ersparen wird. Im Waggon hält mich keiner für unterwegs, alle für angekommen, im Büro bin ich ein wohlplatziertes Möbel, hab es warm, hell und sauber.

Doch ich will verschwinden.

Ich werde langsam zynisch, das meiste finde ich einfältig, meistens gebe ich mich kälter, als ich bin. Katzen reiben die Schläfen aneinander, Wölfe treten in Revierstreit, Hunde schnuppern am anderen Hintern, wir Menschen kennen einander vom Wegschauen. Wer übers Kindesalter plauderfreudig bleibt, der zählt für geistesverwirrt. So erkaltet man dahin und findet den Nabel der Welt an sich selbst. Die kleinen Zivilisationsschäden.

Meine Welt ist geschaffen, alles ist Kultur; die Natur dulde ich, wo sie nicht stört. Ich folge keinen Rhythmen der Biologie, sondern Geschäftszeiten. Ich muss keine Launen der Landschaft ertragen, ich vagabundiere nicht, ich suche ja nichts, ich finde nur mehr. Roh und ursprünglich ist mir wild und gefährlich, an mir sind jahrtausendealte Instinkte verschwendet: etwas jagen, pflanzen, bauen, verteidigen. Ganze Nervenstränge verkümmern an meinem Schreibtisch, sehenden Auges habe ich mich entmenschlicht.

Dafür bezahle ich mit schwerer Abhängigkeit – von der Welt der Arbeitsteilung. Alle Stunden bin ich gebunden an Spezialisten und Spediteure, Produzenten und Fabrikanten, Handwerker und Händler, Fahrer und Berater, von denen ich die wenigsten kenne. Fällt einmal der Strom aus oder der Zug, dann mit ihnen meine Welt.

Ich verliere den Glauben, dass mich dieses Leben reicher macht und munterer. Dass ich stärker oder widerstandsfähiger bin als meine Ahnenreihe, die so anders lebte. Dass ich genauer weiß, warum ich tue, was ich tue, dass ich abends erfüllter schlafen gehe. Meine warme Welt bewahrt mich vor jedem Unglück; aber das ist nicht dasselbe, wie glücklich zu sein.

Zu all meinem Überfluss fiel das Internet in meine Lebensspanne. Seit der Pubertät ist eine Hirnhälfte digital, meine Lebensweise und Gedankenwelt sind ausgewechselt. Bildschirme unterhalten oder unterrichten mich, und ich genieße den Streit um meine Aufmerksamkeit. Ich habe gelernt, schnell zu verstehen und schnell zu vergessen, bin an unmenschlichen Reizen trainiert; schneller, bunter, stärker mögen sie kommen. Zwänglerisch prüfe ich alle Geräte auf neue Impulse, die ständige Unterforderung überfordert mich oder umgekehrt. Rasend fühlt sich dieses Leben an, dabei erlebt man wenig.

Nach zwanzig virtuellen Jahren ist meine Aufmerksamkeit beim Teufel, und die erlebte Wirklichkeit zündet kaum mehr Funken. Der Bildschirm hat die kleinen Knoten und Stränge meiner Wahrnehmung so verstärkt, dass sie in der echten Welt keine Stimulation mehr finden. Ich bin in dauernder Bereitschaft, erwarte immer etwas, die inneren Ampeln stehen auf Gelb. Das Internet hat mich der Kunst der Langeweile beraubt, und ich habe mich berauben lassen.

Ich lasse keine Gegenwart geschehen, kann meine Tage ohne Rest in Bildschirmzeit und Bettzeit teilen. Mein Telefon macht mir Trennungsangst, ohne Akku in der Straßenbahn kriecht die Unrast in mich wie Fieber. Ich habe keine Idee, was mit mir anzustellen ist, ich schaffe es nicht zu schwelgen, Neues, Schönes in mir zu suchen. Ich bin nicht mehr an mich gewöhnt, als hätte ich keine Sekunde mit mir allein verbracht.

Ich will verschwinden, mein Leben ist mir eng geworden. Meine Freiheiten haben mich unfrei gemacht, das domestizierte Leben und den gereizten Geist in ihr Gefängnis gelockt. Das Herz ist ungeduldig geworden, wie andere mit den Beinen wippen, wippt bei mir die Seele. Mit den Jahren sind meine Idee von Glück und die von Selbstbestimmtheit zu ein und derselben geworden.

Ich spüre diese Nervenstränge und Instinkte noch, sie regen sich beim kleinsten Wagnis, beim Baden im Fluss, im nächtlichen Rausch, beim Taumeln durch fremde Städte. Wo ich hilflos bin, wo ich verwildere, wo ich fühle, ob Lust oder Schmerz. Olivia sagt, wir sollen fahren, zu den fernen, blinden Flecken. Lange schon wollte sie fahren, jetzt bin auch ich zum Abenteuer bereit. Raus aus dem Bahnhof, dem rastlosen Verharren, wir brauchen eigene Schienen. Niemand anderes wird für uns verantwortlich sein, und wir für nichts anderes.

Wir wollen Gewohnheiten abstreifen, die Häuser verlassen, der Familie Lebwohl sagen. Unsere Sprache vergessen, uns in der Welt herumtun, von anderen Leben spüren. Ich will endlich wieder staunen, ohne Antwort sein, und den Menschen nahe. Ihre Wirklichkeiten erahnen und Erfahrungsschätze ertasten, woran sie hängen, was sie fürchten, woran sie leiden, wozu sie sich ermächtigen. Das Narzisstenfest wird enden, wo die Welt ungeordnet und unerwartet ist, weniger behütet und betoniert. Wo das Leben einfacher ist, also schwerer.

Die Verheißung liegt im Westen, Ferien macht man im Süden, der Wohlstand lebt im Norden. Dem Osten aber gilt die Warnung. Ich weiß wenig über den Iran, nichts über Tadschikistan und nur das Schlimmste über Pakistan. Die Türkei und Tschetschenien kenne ich von dem, was aus ihnen fortgegangen ist.

Ich glaube nicht an heilende Orte, wir suchen keinen Sinn, unserer liegt schon im Aufbruch. Skizzen zeichnen, Schuhe binden und der Witterung folgen.